Jo Nesbo: Insel der Ratten
Cover Ullstein

978-3-550-20153-0
Leider mehr als nur verschenktes Potential.

Eines vorweg: Jo Nesbø schafft es auch hier, wie wahrscheinlich in den meisten seiner Bücher, eine düstere Grundstimmung und packende Einzelmomente zu erschaffen. Wegen genau dieser Aspekte bin ich wahrscheinlich auch bei der Lektüre am Ball geblieben. Leider nur bleiben die potentiell tieferen Themen durchgehend schwammig und werden mit der Subtilität eines Vorschlaghammers präsentiert. Auch darüber hinaus hat das Buch so seine Probleme. Im Großen und Ganzen läuft die hier beschriebene dunkle Zukunftsvision darauf hinaus, dass die Elite auf einem Hochhaus Champagner trinkt während unter ihnen ringsherum plündernde Straßengangs sich gegenseitig zerfetzen. Die Plünderer tragen als Symbol übrigens eine Justitia mit einem Einschussloch in der Stirn und ab und zu philosophieren die Figuren darüber, was denn jetzt Gerechtigkeit und was Rache sei. Okay, geschenkt, nicht jeder neue dystopische Ansatz muss in Sachen Tiefgang mit den Klassikern aus diesem Bereich mithalten, das wäre auch schlichtweg unfair. Nur leider trägt die bloße Handlung mit ihren durchgehenden Ungereimtheiten nicht wirklich zu einem positiven Gesamtbild bei. Ein Beispiel (es gibt noch mehr, aber ich möchte hier den Rahmen nicht allzu sehr sprengen) für eine dieser Ungereimtheiten: in einer Welt, in der seit geraumer Zeit Grausamkeiten an der Tagesordnung sind und Explosionen von Granaten Nacht für Nacht ertönen, sorgt die wohlhabende und durchaus empathische männliche Hauptfigur erst NACH einem brutalen Angriff auf seine Familie für bessere Sicherheitsmaßnahmen als einen Zaun, den man ganz einfach durschneiden kann. Ohne Erklärung. Dass die Gefühle und Wandlungen der Figuren ruckartig heruntergerissen werden und das Buch letzten Endes von einem relativ typischen Krimiplot eingenommen wird bei dem man sich fragen kann, warum sich der Autor überhaupt für ein apokalyptisches Szenario entschieden hat, bildet dann den letzten Sargnagel für meine Begeisterung. Lediglich die titelgebende Insel der Ratten bietet eine in meinen Augen dem Thema gerecht werdende Metapher - aus der dann viel zu wenig gemacht wird. Ich möchte zum Schluss noch einmal betonen: ich habe keine neue, ausgefeilte oder originelle Dystopie erwartet. Aber wenn so viele Aspekte der präsentierten Geschichte, zumindest meiner Leseerfahrung nach, wenig bis gar keinen Sinn machen und Potential verschenkt wird, bleibt auch der bloße Unterhaltungswert unglücklicherweise auf der Strecke.

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